Erste mediale Aufmerksamkeiten erregte Twitter während der kalifornischen Feuerstürme und während des Erdbebens in China: als Medium zur rasend schnellen Nachrichtenverbreitung, einschließlich komprimierter Links zu aktuellen Bildern und Bewegtbildern auf Social Networking Sites. Das tatsächliche Potential von Twitter wurde aber erst offenbar während des Terroranschlags im November 2008 in Bombay oder Mumbai.
Wer sich während der drei Tage des Terrors in der “Twitter Crowd” aufhielt und den Hashtag- oder Twitter Search-Streams von #mumbai, #oberoi, #taj oder #nariman #chabad folgte, konnte beobachten, daß sich sehr schnell ein Bild der Lage über die drei Hauptanschlagsorte und die Sekundärziele abzuzeichnen begann. Viel früher als in den Mainstream-Medien: Von zahllosen mobilen Telephonen aus kamen Berichte über Schußwechsel und andere Ereignisse wie aus hunderten heißlaufener Nachrichtenticker herein. Interessanterweise wurde es trotzdem nicht chaotisch. Zahllose über die Welt verteilte Twitterer sortierten und strukturierten die eingehenden Tweets, bündelten bestätigte und/oder verläßlich erscheinende Informationen in Retweets, fragten bei Unklarheiten nach und beantworteten die eingehenden Fragen von Neuankömmlingen. Hashtags wurden eingerichtet, die wiederum auf Blogs verwiesen, wo Menschen in Bombay für Verwandte und Freunde Nachrichten in speziellen Kommentarbereichen hinterlassen konnten, daß sie lebten und in Sicherheit waren, und wo in der Welt verteilte Freunde und Familienangehörige Fragen und Erkundigungen hinterlassen konnten.
Für die Anschlagsorte Taj und Oberoi holten die Medien allerdings rasch auf, und in den entsprechenden Hashtag-Streams begannen die Tweets, die Nachrichten indischer Kanäle wie den englischsprachigen NDTV und IBNlive oder CNN und anderen Outlets zu reproduzieren.
Anders war und blieb die Lage hinsichtlich “Nariman House”, in dem sich das jüdische Chabad-Zentrum befand. Bezüglich der Vorgänge um diese speziell für die indischen Einsatzkräfte alptraumhaft gelegenen Lokalität hatten Twitterer bis zum bitteren Ende einen besseren Überblick als die großen Medien: Während deren Teams Blocks entfernt hinter Absperrungen zurückgehalten wurden und weder Sichtkontakt mit Nariman House hatten noch genau unterscheiden konnten, ob von dort oder von woanders geschossen wurde, hatten die Twitterer zwei Photographen direkt am Ort, die von umliegenden Wohnungen aus twitterten und Bilder des Geschehens auf Flickr hochluden und, ganz am Schluß, die ersten Photos und Videoaufnahmen vom Hubschraubereinsatz und dem Abseilen der Spezialeinheiten zugänglich machten, ganz erheblich früher als die Mainstream-Medien. Weitere Informationen aus der Nachbarschaft kamen herein über eine in Amerika lebende indische Twitterin, die mit ihren Eltern und Bekannten Telephonkontakt hielt — zum Teil auch über den Blackout hinaus, der dem ersten, erfolglosen Angriff der Spezialeinheiten auf Nariman House vorausging, solange die Kommunikation über das Mobilnetz erfolgte. Dann jedoch trat auch um Chabad herum eine langanhaltende, wenn auch vorübergehende Informationsstille ein, und die #chabad #nariman Twitter Crowd begann hier ebenfalls für eine Weile, Nachrichten aus den Mainstream-Medien zu reproduzieren.
Zusätzlich wurde aus weiteren Quellen aus Israel und Amerika bald klar, welche Reisenden sich zum Zeitpunkt des Anschlags möglicherweise im jüdischen Zentrum aufgehalten hatten: nahezu alle diese Informationen stellten sich hinterher zur Trauer vieler als korrekt heraus.
Ein Nachteil von Twitter, den ich in unserem eher länglichen, aber hochinteressanten Kuschelkautsch-Podcast mit Robert Basic auf werbeblogger.de ansprach, besteht darin, daß Tweets, einmal losgeschickt, nicht zurückgeholt und oft auch nicht mehr mit Folge-Tweets korrigiert werden können. Im Rahmen der twittertypischen Ambient Awareness ist nämlich keinesfalls gewährleistet, daß die gleichen Menschen, die den ursprünglichen Tweet gelesen haben, etwaige Korrektur-Tweets überhaupt wahrnehmen. In den #mumbai und #nariman #chabad Hashtag-Streams gab es ein verwandtes Phänomen, gespeist durch das Retweeting-Tempo. Tweets von Twitterern, sowohl am Ort als auch “strukturierend tätig” irgendwo in der Welt, die sich einmal als verläßliche Quellen etabliert hatten, wurden mit einer Geschwindigkeit retwittert, die ebenso unheimlich wie gefährlich war: Meldungen ebenso wie Falschmeldungen konnten sich im Zweifelsfall wie Buschfeuer verbreiten, und hier “aß es Brot”, um Roland aus unserem Podcast zu zitieren, denn es hatte direkten Einfluß auf die Menschen, die sich an den Tweets orientierten. Über den gerade verlinkten Initial-Tweet zum Beispiel hatte ich sehr lange sehr intensive Magenschmerzen, obwohl ich mir absolut sicher gewesen war, alle eingehenden Informationen richtig ausgewertet und interpretiert zu haben — aber wenn die Mainstream-Medien erst nach fast zehn Stunden beginnen, ein solches Ereignis zu verifizieren, wird einem zwischendurch nicht nur ein bißchen mulmig.
All dies blieb den Medien nicht verborgen, und die Menge der Berichterstattungen über Twitter war enorm. Hier zeigten sich dann aber auch verschiedene Probleme in der Meta-Berichterstattung: Ohne den Kontext des Twitter-Flusses ergeben Tweet-Zitate in den Mainstream-Medien schnell ein schiefes Bild, das nachträglich nicht mehr korrigierbar ist. Zu erwähnen ist auch, daß durchaus einige Twitterer den Einsatz dieses Mediums in Zeiten des Terrors kritisch hinterfragten, wenn in der Regel auch nicht so harsch wie naomieve, die die “self-referentiality” und “self-reverentiality” der Twitter Crowd kritisierte sowie einige andere Punkte, wie in unserer Diskussion und ihren Anmerkungen dazu nachvollzogen werden kann.
Aber viele Erfahrungen und Beurteilungen, auch meine eigenen, alles in allem, waren überwiegend, sogar überwältigend, positiv. Und ich sollte auch nicht versäumen zu erwähnen, daß sich zwischen den Beteiligten aus der Twitter Crowd — speziell aus dem Stream zu #nariman #chabad — Freundschaften entwickelt haben, die auf die anderen Kommunikationskanäle übergriffen und auf dem Weg sind, die drei Tage des Terrors nachhaltig zu überdauern. Und aus dem Umfeld einer solchen daraus entstandenen Freundschaft möchte ich abschließend das sehr emotionale Statement zu “Twitter in Zeiten des Terrors” zitieren, das meine politisch sehr engagierte gute Freundin Maggie für youtube aufgenommen hat, und in dem sich viele meiner eigenen Gedanken wiederfinden. Der youtube-Link sollte direkt zum Zeitindex 4m 15s führen; wenn das nicht klappt, händisch vorspulen bis dorthin — oft hilft es aber auch, die Seite mit STRG-R o.ä. einfach neu zu laden, gleich nachdem das Video begonnen hat. Here, now, are Maggie’s Thoughts.
Sonntag, 11. Januar 2009
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